Kommunistischen International Partei Das invariante und einheitliche Werk der Partei

Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR
27. Februar - 4. März 1915
   

RESOLUTIONEN ÜBER DEN IMPERIALISTISCHEN CHARAKTER DES KRIEGES

 

Die in der Schweiz veranstaltete Konferenz der Auslands-Sektionen der SDAPR. hat vor wenigen Tagen ihre Arbeiten zu Ende geführt. Außer der Erörterung rein ausländischer Angelegenheiten – wir werden uns bemühen, darüber, wenn auch nur in Kürze, in den nächsten Nummern des Zentralorgans zu berichten – hat die Konferenz eine Resolution zu der so wichtigen und aktuellen Kriegsfrage ausgearbeitet. Wir bringen die Resolutionen der Konferenz unverzüglich zum Abdruck, in der Hoffnung, dass sie allen denjenigen Sozialdemokraten von Nutzen sein werden, die aus dem gegenwärtigen Chaos der Meinungen ernsthaft einen Ausweg zur lebendigen Tat suchen – aus diesem Chaos, das im Grunde genommen auf nichts anderes hinausläuft als auf ein Lippenbekenntnis zum Internationalismus, und in Wirklichkeit auf das Bestreben, sich um jeden Preis, so oder anders, mit dem Sozialchauvinismus auszusöhnen. Wir fügen hinzu, dass die Diskussion über die Losung der “Vereinigten Staaten von Europa“ einseitig politischen Charakter annahm und dass der Beschluss gefasst wurde, die Frage bis zur Erörterung ihrer ökonomischen Seite in der Presse zu vertagen.

 

RESOLUTIONEN DER KONFERENZ 

Auf dem Boden des in Nr. 33 veröffentlichten Manifests des ZK. stehend, stellt die Konferenz zum Zweck der größeren Planmäßigkeit der Propaganda folgende Sätze auf:

 

Über den Charakter des Kriegs

Der gegenwärtige Krieg trägt imperialistischen Charakter. Er ist aus den Bedingungen einer Epoche hervorgegangen, in welcher der Kapitalismus sein höchstes Entwicklungsstadium erreicht hat; in der bereits nicht nur der Export von Waren, sondern auch der Kapitalexport die wesentlichste Bedeutung hat; in der die Kartellierung der Industrie und die Internationalisierung des Wirtschaftslebens bedeutende Ausmaße erreicht haben; in der die Kolonialpolitik zur Aufteilung fast des ganzen Erdballs geführt hat – in der die Produktivkräfte des Weltkapitalismus über die engen Schranken der nationalstaatlichen Gliederung hinausgewachsen, die objektiven Bedingungen für die Verwirklichung des Sozialismus vollkommen herangereift sind.

 

Über die Losung der “Vaterlandsverteidigung”

Das wirkliche Wesen des gegenwärtigen Kriegs besteht in dem Kampf zwischen England, Frankreich und Deutschland um die Neuaufteilung der Kolonien und um die Ausplünderung der konkurrierenden Länder, ebenso in dem Streben des Zarismus und der herrschenden Klassen Russlands nach der Eroberung Persiens, der Mongolei, der asiatischen Türkei, Konstantinopels, Galiziens usw. Das nationale Element im österreichisch-serbischen Krieg ist von ganz untergeordneter Bedeutung und ändert nichts an dem allgemeinen imperialistischen Charakter des Kriegs.

Die ganze ökonomische und diplomatische Geschichte der letzten Jahrzehnte zeigt, dass die beiden Gruppen der kriegführenden Nationen sich eben auf einen derartigen Krieg systematisch vorbereitet haben. Die Frage, welche Gruppe den ersten militärischen Schlag geführt oder als erste den Krieg erklärt hat, ist bei der Bestimmung der Taktik der Sozialisten ohne jede Bedeutung. Die Redensarten von der Verteidigung des Vaterlands, von der Abwehr eines feindlichen Überfalls, vom Defensivkrieg usw. sind reiner Volksbetrug.

Den wirklich nationalen Kriegen, die insbesondere in die Epoche von 1789-1871 fielen, lag ein lang dauernder Prozess nationaler Massenbewegungen zugrunde, ein Prozess des Kampfes gegen den Absolutismus und Feudalismus, der Beseitigung nationaler Unterdrückung und der Schaffung von Nationalstaaten als Voraussetzung der kapitalistischen Entwicklung.

Die aus den Verhältnissen jener Epoche erzeugte nationale Ideologie hinterließ tiefe Spuren in der Masse des Kleinbürgertums und in einem Teil des Proletariats. Heute, in einer ganz anderen, imperialistischen Epoche, machen sich die Sophisten der Bourgeoisie und die ihnen nachhinkenden Verräter am Sozialismus diesen Umstand zunutze, um die Arbeiter zu spalten und sie von ihren Klassenaufgaben und vom revolutionären Kampf gegen die Bourgeoisie abzulenken.

Mehr denn je bewahrheiten sich heute die Worte des “Kommunistischen Manifests”: “Die Arbeiter haben kein Vaterland”. Nur der internationale Kampf gegen die Bourgeoisie kann die Errungenschaften des Proletariats aufrechterhalten und den unterdrückten Massen den Weg zu einer besseren Zukunft erschließen.

 

Die Losungen der revolutionären Sozialdemokratie

“Die Verwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg ist die einzig richtige proletarische Losung; auf sie verweist uns die Erfahrung der Kommune, sie ist aufgestellt in der Baseler Resolution (1912) und sie ergibt sich aus allen Bedingungen des imperialistischen Kriegs zwischen hochentwickelten bürgerlichen Ländern”.

Der Bürgerkrieg, zu dem die revolutionäre Sozialdemokratie in der gegenwärtigen Epoche aufruft, ist der bewaffnete Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie, für die Expropriation der Kapitalistenklasse in den vorgeschrittenen kapitalistischen Ländern – für die demokratische Revolution in Russland (demokratische Republik, Achtstundentag, Konfiszierung der Gutsbesitzer-Ländereien) – für die Republik in rückständigen monarchistischen Ländern usw.

Das durch den Krieg hervorgerufene äußerste Elend der Massen muss revolutionäre Stimmungen und Bewegungen zur Folge haben, zu deren Verallgemeinerung und Dirigierung die Losung des Bürgerkriegs bestimmt ist.

Die Organisation der Arbeiterklasse hat gegenwärtig starken Schaden gelitten. Aber die revolutionäre Krise reift trotz alledem heran. Nach dem Krieg werden die herrschenden Klassen in allen Ländern noch größere Anstrengungen machen, um die Freiheitsbewegung des Proletariats um Jahrzehnte zurückzuwerfen. Sowohl bei raschem Tempo der revolutionären Entwicklung als auch bei schleppendem Charakter der Krise wird es Aufgabe der revolutionären Sozialdemokratie sein, weder auf die ständige Tagesarbeit zu verzichten noch irgendeine von den früheren Methoden des Klassenkampfs zu vernachlässigen. Es wird ihre Aufgabe sein, den Parlamentarismus ebenso wie den ökonomischen Kampf gegen den Opportunismus zu lenken im Geiste des revolutionären Kampfes der Massen.

Als die ersten Schritte zur Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg sind zu bezeichnen:
 1). unbedingte Ablehnung der Kriegskreditbewilligung und Austritt aus bürgerlichen Ministerien;
 2). völliger Bruch mit der Politik des “nationalen Friedens” (des “bloc national”, des “Burgfriedens”);
 3). Schaffung einer illegalen Organisation überall da, wo Regierung und Bourgeoisie unter Verhängung des Kriegszustandes die verfassungsmäßigen Freiheiten aufheben;
 4). Unterstützung für die Verbrüderung der Soldaten der kriegführenden Nationen in den Schützengräben und auf den Kriegsschauplätzen überhaupt;
 5). Unterstützung aller und jeder revolutionären Massenaktion des Proletariats überhaupt.

 

Der Opportunismus und der Bankrott der II. Internationale

Der Bankrott der II. Internationale ist der Bankrott des sozialistischen Opportunismus. Dieser erwuchs als Produkt der vorhergehenden “friedlichen” Entwicklungsepoche der Arbeiterbewegung. Diese Epoche lehrte die Arbeiterklasse den Gebrauch so wichtiger Kampfmittel, wie: Ausnützung des Parlamentarismus und aller legalen Möglichkeiten, Schaffung ökonomischer und politischer Massenorganisationen, Schaffung einer weitverbreiteten Arbeiterpresse usw. Anderseits erzeugte diese Epoche eine Tendenz zur Ablehnung des Klassenkampfs und zur Propagierung des sozialen Friedens, zur Ablehnung der sozialistischen Revolution, zur prinzipiellen Ablehnung illegaler Organisationen, zur Bejahung des bürgerlichen Patriotismus usw. Bestimmte Schichten der Arbeiterklasse (die Bürokratie in der Arbeiterbewegung und die Arbeiteraristokratie, der einzelne kleine Brocken von den Profiten aus der Ausbeutung der Kolonien und aus der privilegierten Lage ihres “Vaterlands” auf dem Weltmarkt zufielen), sowie die kleinbürgerlichen Mitläufer innerhalb der sozialistischen Parteien stellten den wichtigsten sozialen Stützpunkt für diese Tendenzen dar und waren die Agenten des bürgerlichen Einflusses auf das Proletariat.

Der verderbliche Einfluss des Opportunismus trat in der Kriegspolitik der Mehrheit der offiziellen sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale besonders krass zutage. Bewilligung der Kriegskredite, Eintritt in die Ministerien, “Burgfriedens” – Politik, Verzicht auf illegale Organisationen zu einer Zeit, wo die Legalität aufgehoben ist – dies alles bedeutet die Abkehr von den wichtigsten Beschlüssen der Internationale und den direkten Verrat am Sozialismus.

 

Die III. Internationale

Die durch den Krieg hervorgerufene Krise deckte das wirkliche Wesen des Opportunismus auf, indem sie ihn in der Rolle eines direkten Helfers der Bourgeoisie gegen das Proletariat zeigte. Das sogenannte sozialdemokratische “Zentrum” mit Kautsky an der Spitze ist in der Tat ganz und gar zum Opportunismus herabgesunken, dem es mit besonders schädlichen heuchlerischen Redensarten und durch imperialistische Verfälschung des Marxismus den Schild hält. Wie die Erfahrung zeigt, verschaffte z. B. in Deutschland nur das Zuwiderhandeln gegen den Willen der Mehrheit der Parteispitzen die Möglichkeit, für den sozialistischen Standpunkt in die Schranken zu treten. Es wäre eine schädliche Illusion, auf den Wiederaufbau einer wirklich sozialistischen Internationale ohne vorhergehende vollständige organisatorische Scheidung von den Opportunisten seine Hoffnung zu setzen.

Die SDAPR. muss alle internationalen und revolutionären Massenaktionen des Proletariats unterstützen, indem sie zugleich den Zusammenschluss aller antichauvinistischen Elemente der Internationale anstrebt.

 

Der Pazifismus und die Friedenslosung

Der Pazifismus und die abstrakte Friedenspropaganda stellen eine Form der Irreführung der Arbeiterklasse dar. Unter dem Kapitalismus, insbesondere in seinem imperialistischen Stadium, sind Kriege unausbleiblich. Anderseits kann die Sozialdemokratie die positive Bedeutung von revolutionären Kriegen nicht verneinen, d, h. nicht von imperialistischen, sondern von solchen Kriegen, wie sie zur Beseitigung nationaler Unterdrückung und zur Errichtung von nationalen kapitalistischen Staaten an Stelle der feudal-zersplitterten Staatswesen z.B. in der Periode von 1789-1871 geführt wurden, oder wie sie zur Verteidigung der Errungenschaften eines im Kampf mit der Bourgeoisie siegreichen Proletariats möglich sind. Insbesondere ist der Gedanke an die Möglichkeit eines sogenannten demokratischen Friedens ohne eine Reihe von Revolutionen grundfalsch.

Friedenspropaganda ohne gleichzeitige Aufrufung der Massen zu revolutionären Aktionen kann in der gegenwärtigen Zeit nur Illusionen erwecken, kann das Proletariat nur korrumpieren, indem es sein Vertrauen auf die Humanität der Bourgeoisie zu setzen angehalten wird, sie kann das Proletariat nur zu einem Spielzeug in den Händen der Geheimdiplomatie der kriegführenden Länder machen.

 

Die Niederlage der Zarenmonarchie

In keinem Lande darf der Kampf gegen die eigene, am imperialistischen Krieg beteiligte Regierung haltmachen vor der Möglichkeit einer infolge der revolutionären Agitation eintretenden Niederlage dieses Landes. Durch die Niederlage der Regierungsarmee wird die betreffende Regierung geschwächt, die Befreiung der von ihr geknechteten Völkerschaften gefördert und der Bürgerkrieg gegen die herrschenden Klassen erleichtert.

Auf Russland angewandt, ist diese These ganz besonders zutreffend. Ein Sieg Russlands zieht die Stärkung der Weltreaktion, die Stärkung der Reaktion im Lande selbst nach sich und führt gleichzeitig zur völligen Knechtung der Völker in den bereits okkupierten Gebieten. Infolgedessen stellt eine Niederlage Russlands unter jeden Bedingungen von allen Übeln das Geringste dar.

 

Verhältnis zu anderen Parteien und Gruppen

Der Krieg, der wahre Orgien des Chauvinismus entfesselte, brachte ans Licht, dass auch die demokratische (narodnikische) Intelligenz und die Partei der Sozialrevolutionäre – bei völliger Haltlosigkeit ihrer Oppositionsströmung (Zeitschrift “Mysl”) – und ebenso das von Plechanow unterstützte Grundkader des Liquidatorentum (“Nascha Sarja”) dem Einfluss des Chauvinismus unterlegen ist. Faktisch steht auch das OK. auf selten des Chauvinismus – angefangen mit der maskierten Unterstützung des Chauvinismus durch Larin und Martow bis zur prinzipiellen Verteidigung des patriotischen Gedankens durch Axelrod – desgleichen der “Bund”, bei dem der deutschfreundliche Chauvinismus vorherrscht. Der Brüsseler Block (vom 3. August 1914) ist gänzlich auseinandergefallen. Die Elemente aber, die sich um “Nasche Slowo” gruppieren, schwanken zwischen platonischen Sympathien für den Internationalismus und dem Streben nach Einheit um jeden Preis mit „Nascha Sarja“ und dem OK, Ebenso schwankt auch die sozialdemokratische Fraktion Tschcheidse, die einerseits den Plechanow-Anhänger, d. h. Chauvinisten, Manjkow aus ihren Reihen ausgeschlossen hat, anderseits aber um jeden Preis den durch Plechanow, durch “Nascha Sarja”, durch Axelrod, den “Bund” usw. vertretenen Chauvinismus zu bemänteln sucht.

Aufgabe der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Russland ist die weitere Festigung der proletarischen Einheit, wie sie in erster Linie von der “Prawda” 1912-1914 realisiert wurde, die Wiederherstellung der sozialdemokratischen Parteiorganisationen der Arbeiterklasse auf Basis entschiedener organisatorischer Trennung von den Sozialchauvinisten. Zeitweilige Vereinbarungen sind nur mit denjenigen Sozialdemokraten zulässig, die für den entschiedenen organisatorischen Bruch mit dem Organisatorischen Komitee mit “Nascha Sarja” und dem “Bund” eintreten.

 

Sozial Demokrat Nr. 40, 29, März 1915